Foto, Quelle: Mirko Kappes/SGS Essen

In Frankreich ist Marie-Antoinette Katoto die aktuell mit 20 Jahren jüngste Spielerin in der Nationalmannschaft, in Deutschland ist die jüngste Spielerin, die mit der Nationalmannschaft gerade im Traingslager war, erst 17 Jahre alt. Auf dem Weg in die Zukunft des deutschen Frauenfußballs? Auf der Sechs, mit erhobenem Kopf, mit dem Fuß immer dicht am Ball. Der deutsche Korrespondent von lesfeminines, Gerd Weidemann, hat sich mit Lena Oberdorf unterhalten.

Gerade zwei Tage 17 Jahre alt, und eingeladen zur Natio!

Frankreich absolvierte mit Erfolg sein Freundschaftsspiel gegen die USA (3-1), während Deutschland das Jahr mit einem Trainingslager in Marbella, Spanien begann. Die neue Bundestrainerin, Martina Voss-Tecklenburg, berief zum ersten Lehrgang unter ihrer Leitung fünf junge Spielerinnen, die zum ersten Mal dabei waren. Als Lena Sophie Oberdorf die Nachricht erhielt, dass sie zum Trainingslager der A-Nationalmanschaft eingeladen ist, hatte sie erst zwei Tage zuvor ihren 17. Geburtstag gefeiert.

In einer Kleinstadt im Süden des Ruhrgebiets hatte sie im Sommer 2018 noch als einziges Mädchen in einer Jungenmannschaft gespielt. Einige Monate später, am 16. Dezember 2018 gelang ihr mit der SGS Essen die großartige Leistung eines Unentschieden gegen den VFL Wolfsburg – ein großer Erfolg für den Verein aus dem Ruhrgebiet- Lena war erst 16 Jahre alt und dennoch in der Startaufstellung in einer Liga, die weltweit höchstes Ansehen genießt.

Genug interessante Fakten, um eine vielversprechende Spielerin vorzustellen.

Fußball spielen – nur logisch für Lena!

Wie sollte man nicht auch über ihre Kindheit sprechen, wenn man eine so junge Spielerin interviewt ? Für Lena war es früh klar, dass sie den Fußball zu ihrem Sport machen würde. „Mein Bruder spielt Fußball, mein Papa spielt Fußball , meine Mutter hat Leichtathletik gemacht, ich hätte so oder so Sport gemacht und mein Bruder und mein Papa haben immer im Garten gespielt. Da wollte ich, seitdem ich laufen konnte, mitspielen. So kam ich dann zum Fußball.

Man kann sich gut die roten Wangen nach der Jagd nach dem Ball vorstellen. Man stellt sich leicht die Anfeuerungsrufe und kleinen Wettkämpfe an den Wochentagen und Wochenenden vor. Zwischen Bruder und Schwester, Vater und Mutter, Freunden und Freundinnen. Lena schließt sich dem Verein an, in dem ihr Bruder Fußball spielt, in dem ihre Schwester Fußball spielt, in dem ihr Vater im Vorstand ist. Sie beginnt bei den Bambinis von TuS Ennepetal und bleibt bei diesem Verein bis zur D-Jugend. Jahre später der nächste logische Schritt: Vereinswechsel. Warum? Auch der Bruder wechselt den Verein und die neue Mannschaft spielt in einer höheren Klasse. Im Alter von 16 Jahren spielt sie noch beim TSG Sprockhövel – bis zum Ende der B-Jugend. Zu diesem Zeitpunkt durften Mädchen nach der B-Jugend nicht länger mit Jungs in einer Mannschaft spielen.

Auf die Frage, in welchem Alter sie zur U-15 Nationalmannschaft berufen wurde, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln : „In meinem Wikipedia-Artikel, den mir mein bester Freund letztens gezeigt hat, – ich dachte krass, ist es schon so weit? – da steht mit zwölf Jahren …

Und es waren auf jeden Fall alle älter, die meisten waren größer. Dann hatten wir sofort das erste Spiel in Schottland und das war mein erster Flug, den ich jemals gemacht habe. Ich war schon relativ still anfangs in der U-15, das hat sich dann im zweiten Jahr aber geändert.“ Nicht geändert aber hat sich, dass sie in allen Auswahlmannschaften immer die jüngste war.

Egal ob bei den Jungs oder den Mädchen. Lena spielt auf der Sechs.

In ihren ersten beiden Vereinen hat Lena Oberdorf den ‘Fußball der Jungs’ gespielt und in den Jugendmannschaften des DFB hat sie den ‘Fußball der Mädchen’ kennengelernt. Mit der ganzen Erfahrung ihrer 17 Jahre sagt der D’Artagnan des deutschen Fußballs, und konnte dabei ihr Lächeln nicht verbergen: „Eigentlich ist es ähnlich, man hat einen Ball, man spielt auf zwei Tore“ und analysiert dann „Aber taktisch ist es natürlich unterschiedlich. Bei den Jungs haben wir immer Angriffspressing gespielt, bei den Mädchen war es eher Mittelfeldpressing, dann waren es andere Formationen, die wir gespielt haben, aber eigentlich gab es keinen so großen Unterschied. Es kommt ja auf den Trainer an, welche Ausbildung er zum Beispiel hat, was er fördern will. Es gibt ja ganz viele Trainer, die sagen, wir wollen jetzt kämpferisch spielen, dann machen wir mehr Läufe in der Vorbereitung und Zweikämpfe im Training. Und dann gibt es welche, die wollen, dass wir schnell spielen, mit zwei Kontakten. Das kommt immer auf den Trainer an und nicht so auf den Unterschied zwischen Frauen und Männern.

Im Sommer 2018 hat Trainerin Maren Meinert Lena zur U-20 Weltmeisterschaft in der Bretagne mitgenommen, obwohl sie erst 16 Jahre alt war. In Vannes scheiterte die deutsche Mannschaft im Viertelfinale gegen die Japanerinnen, die im Finale gegen Spanien Weltmeisterinnen wurden. Lena: „Man muss klar sagen, dass die Japanerinnen viel besser waren an diesem Tag. Wir haben uns gut gewehrt und auch unsere Chancen gehabt, aber an dem Tag hat es einfach nicht gereicht.

Zu den Medaillen, Preisen und Auszeichnungen, die sie erhalten hat, gehören zum Beispiel die Fritz-Walter-Medaille in Bronze (2018) und aus dem Jahr 2017 die Ehrung als Goldene Spielerin durch die UEFA (Goldene Spielerinnen waren 2016 Caroline Siems und 2008 Alexandra Popp). Als Lena an der U-17 Weltmeisterschaft in Jordanien (2016) telinahm, war sie erst 14 Jahre alt. Dabei gelang ihr ein Rekord im Spiel gegen Kamerun: das schnellste Tor einer eingewechselten Spielerin, sie brauchte nur 49 Sekunden !
Fragt man sie, ob Trophäen und Medaillen die Wände ihres Zimmers schmücken, antwortet sie: „Nein, im Zimmer hängen die Fotos von meinen ganzen Freunden an der Wand. Klar freut man sich über diese Auszeichnungen, aber es ist nicht so, dass man sich drauf ausruhen könnte, wie man so schön sagt. Von daher man sieht man so etwas gerne, aber es ist jetzt nicht so, dass ich sage: Guckt alle mal her, ich bin Goldene Spielerin geworden.

Fußball bedeutet Spaß. Lena will nah bei ihren Freunden und Freundinnen bleiben.

Bereits 2017 – sie spielte noch bei den Jungs – suchte die junge Spielerin einen Verein, bei dem sie entsprechend ihrem Niveau weiter Fußball spielen konnte. Sie entschied, weder ihre Heimatstadt zu verlassen, noch auf ein Sportinternat zu wechseln. „Durch das Training habe ich relativ wenig Zeit, deswegen habe ich mich so entschieden, dann treffe ich meine Freunde eben in der Schule.

Die SGS Essen hat sie schnell überzeugen können. „Mir hat es einfach richtig gut gefallen, wie Essen vorgegangen ist. Der Verein hat nicht angerufen und nur gesagt, „eh, ja komm’ mal her“, sondern mir wurde auch wirklich alles gut erklärt. Das heißt, was sie vorhaben, welches ihre Spielphilosophie ist, und ich konnte mich komplett damit identifizieren. Es war auch eine angenehme Atmosphäre, und so kam es relativ schnell zur Vertragsunterzeichnung.

Im November 2017 unterschreibt Lena einen Vertrag zur Saison 2018/19 und wird bis zum Juni 201 in Essen spielen. Einige Unterschiede bemerkt sie recht schnell : „Taktik: Wir haben in der Vorbereitung auf die Liga verschiedene Formationen ausprobiert und das haben wir bei den Jungs nicht gemacht. Wir hatten da eine feste Vorgabe und dann immer so trainiert. Und hier muss man dann schon so verschiedene Sachen wissen: Wie laufe ich an, wenn wir 4-3-3 spielen, wie laufe ich an, wenn wir 4-4-2 spielen?“

Der Essener Trainer Daniel Kraus schenkt ihr bereits im ersten Bundesligaspiel der Saison 2018/19 gegen den Ruhrgebietsrivalen MSV Duisburg sein Vertrauen. Dass er sie in die Startelf setzt, wird er nicht bereuen. Sie macht ihr erstes Tor in der 33. Minute. Sie erzielt für Essen noch ein weiteres Tor und wird in der 68. Minute ausgewechselt. Aus Respekt vor ihrer Leistung applaudiert das Publikum dieser jungen vielversprechnden Spielerin, als sie den Platz verlässt. Sie hatte nicht erwartet, in ihrer neuen Mannschaft so früh und viel eingesetzt zu werden! Doch der Trainer setzt sie ein, sie steht in der Startaufstellung, erzielt Tore, gibt entscheidende Vorlagen, sie wird zu einer ganz wichtigen Spielerin der Essener Mannschaft, die als Drittplatzierte in die Winterpause gegangen ist. Verfolger Turbine Potsdam hatte ein Spiel weniger.

Rote Wangen – von der Freude am Laufen

Lenas dicht gefüllter Alltagsablauf – Schule, Fahrten nach Essen, Training, Hausaufgaben – all das bedeutet auf manches andere verzichten zu müssen: „Klar ist das auch ein Verzicht. Aber ich denke, den gehen alle Leistungssportler ein, weil wir sehr viel für das Training opfern. Es ist nicht nur das Mannschaftstraining in Essen, sondern da steckt mehr dahinter: dass wir selbst in den Ferien laufen, wenn wir frei haben oder auch zum Krafttraining gehen. Es ist schon ein Verzicht, aber wir machen es ja gerne, wir haben Freude auf dem Platz mit den ganzen Mädels. Freude auch, wenn man Spiele gewinnt oder gegen eine Mannschaft wie Wolfsburg einen Punkt holt. Das sind die Momente, für die man das macht.

Freude nach dem Spiel gegen Wolfsburg; 16.12.2018. Quelle: SGS Essen

In Essen ist Lena Oberdorf Mittelfeldspielerin, doch kann sie auf den unterschiedlichsten Positionen eingesetzt werden. „Ich habe schon überall gespielt. In der D-Jugend war ich mal kurz im Tor, dann war ich Sechser wie hier bei Essen, aber in den letzten Spielen habe ich vorne mit Lea [Schüller] gespielt. Bei den Jungs war ich Innenverteidiger und in der ersten Saison bei den Jungs war ich Außenverteidiger. In der U-20 habe ich links vorne gespielt.“ Lesfeminines: Haben Sie eine Position, auf der Sie am liebsten spielen? „Ja, die Sechs!

In der Vorbereitung auf die WM

Lena Sophie Oberdorf ist eine von 30 Spielerinnen, die die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg zu ihrem allerersten Lehrgang im Januar eingeladen hat. In den folgendenen Wochen wird die Frauen-Nationalmannschaft gegen Frankreich, Schweden und Japan spielen, wichtige Tests vor der WM in Frankreich. Es kann sein, dass diese Weltmeisterschaft für Lena Sophie Oberdorf zu früh kommt, aber man kann es nie wirklich wissen.

Die Assistenztrainerin der Frauen-Nationalmannschaft, Britta Carlson, auf die Frage, ob Lena Oberdorf zu jung sei für die A-Nationalmannschaft: „Zur Nationalmannschaft zu gehören ist keine Frage des Alters. Wenn man sich die Geschichte anschaut, waren immer junge Spielerinnen dabei wie Birgit Prinz, Lira Alushi oder Dszenifer Maroszan, die über besondere Fähigkeiten verfügten. Wenn sie die Physis hat und über die technischen und taktischen Voraussetzungen für eine A-Nationalspielerin verfügt, ist es auf jeden Fall möglich. Noch ist sie keine, man ist nict durch einen Lehrgang automatisch A-Nationalspielerin.

Es lohnt sich, den Weg dieses jungen Talents des deutschen Frauenfußballs zu beobachten.
Zum Schluss erklärt uns Lena noch, welchen Rat sie jungen Mädchen, die Interesse am Fußball spielen haben, geben würde:

Das Wichtigste ist, dass man Spaß hat, weil man sonst den ganzen Aufwand gar nicht mitmacht. Wenn ich zum Beispiel keinen Spaß am Fußball hätte, würde ich mir das ja nicht antun, jeden Tag so viele Stunden zu fahren und zu trainieren. Deswegen glaube ich, das Wichtigste und was über allem steht, ist der Spaßfaktor.

Jung und voller Talent. An erster Stelle steht der Spaß, alles andere wird man sehen.

Gerd Weidemann für lesfeminines mit CW.

Quelle: Michael Gehrmann/SGS Essen